In den 80er Jahren beschäftigten sich eine Reihe von Künstler*innen in der DDR mit der Verflechtung unterschiedlicher Genres und experimentierten übergreifend bis in die Bereiche der Aktionskunst und der Performance hinein. Andere schufen eigene, sehr spezielle Ausdrucksformen in Musik, Tanz, Film, Literatur, Malerei und bildender Kunst. Oft waren diese Versuche ausschließlich an den individuellen Einsatz und den Idealismus der Künstler*innen selbst gebunden und erforderten eine hohe Bereitschaft zur Improvisation. Meist waren sie auch nur einem kleineren Publikumskreis zugänglich, wenn es nicht sogar Einschränkungen von politischer Seite zu überwinden galt. Aus heutiger Sicht erscheinen diese Impulse als richtungsweisend und im besten Sinne grenzüberschreitend. In unserer neuen Reihe KUNST hinterm EISERNEN möchten wir Künstler*innen vorstellen, die aus diesen Anfängen heraus bis heute mit ihren Werken und Aktionen präsent sind. Was bedeutet ihnen künstlerische Freiheit im Wechsel der Zeiten? Auf welche Reaktionen stoßen sie und auf welche Erfahrungen können sie setzen? Diese und weitere Fragen wollen wir Ihnen gern stellen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit soll jedoch ihre Kunst stehen.
Die Reihe ist eine Kooperation von BLMK und Staatstheater Cottbus.
Barrierefreiheit
Die Veranstaltung ist nicht barrierefrei.
In Kooperation mit
SCHICHTUNGEN
Mit Fine Kwiatkowski, Mona Höke und Reinhart Wronna
Der Auftakt am 15. Oktober mit dem Titel SCHICHTUNGEN ist der Künstlerin Fine Kwiatkowski gewidmet. Die Tänzerin und Choreografin war in den 1980er-Jahren eine der wesentlichen Akteurinnen interdisziplinären Arbeitens in verschiedenen parallelkulturellen Nischen des Kunstbetriebs der DDR. Zunächst in Dresden verortet, entwickelte sie ihre eigene Bewegungssprache und wurde zur zentralen Figur der DDR-Avantgarde. Als eine wichtige Repräsentantin intermedialer Kunst der DDR hat sie seit den 1990er-Jahren ihr künstlerisches Handeln auch in die internationale Szene hinein erweitert.
Gemeinsam mit der in Cottbus lebenden Malerin Mona Höke und Reinhart Wronna, Musiker im Philharmonischen Orchester, kreiert Fine Kwiatkowski für diesen Abend ein hybrides Format, das die Grenzen zwischen den Kunstformen aufhebt. „Mit Improvisationsmitteln überführe ich Gedanken- und Gefühlsprozesse in raumbezogene Bewegung“, beschreibt die Künstlerin ihren Ansatz, dem sie bis heute treu geblieben ist.
Hökes großformatige Malereien verwandeln die Bühne in eine begehbare Ausstellung, die Fine Kwiatkowski, untermalt von Wronnas Klanglandschaften, performativ erobert. Tanz, Malerei und Musik verbinden sich zu einem einmaligen Gesamtkunstwerk. Nach dem künstlerischen Teil finden die drei Akteur*innen gemeinsam mit Ulrike Kremeier und Hasko Weber im Gespräch auf der Bühne zusammen.
Dabei wird es auch um die Frage gehen, inwieweit die unter kulturellen Restriktionen der DDR entstandenen künstlerischen Experimente Parallelen zur Gegenwart aufzeigen – und welche Perspektiven sie auf heutige Formen von Freiheit, Ausdruck und Widerstand eröffnen.
Parallel widmet sich eine Ausstellung im Dieselkraftwerk Cottbus dem vielseitigen Schaffen der Tänzerin Fine Kwiatkowski und ihrem künstlerischen Umfeld:
Über Schatten Springen – Die Tänzerin Fine Kwiatkowski Malerei, Skulpturen, Filme u. a. von Anne Rose Bekker, Lutz Dambeck, Mona Höke, Shang Hutter, Helge Leiberg, Hans Scheuerecker, Christine Schlegel, Ulla Walter u. v. m.
Mit dem Musiker, Komponisten und Arrangeur Sven Helbig
Sven Helbig wuchs in Eisenhüttenstadt auf, einer Planstadt im Osten der Republik, die kulturell wenig aufzubieten hatte. Alles erschien begrenzt und anregende Ereignisse waren selten. Fluchtraum wurde die Musik. Sven Helbig hat viel und gern Radio gehört und war begeistert von fast allem, was ihn musikalisch erreichte. Verschiedenste Musik, die fern von ihm entstand und fern von ihm gesendet wurde. Der Sender RIAS Berlin eröffnete ihm Welten und förderte Sehnsüchte, selbst mit Instrumenten umgehen und Musik machen zu können. Sven Helbig beschäftige sich mit Radios und baute sie schließlich selbst, bastelte elektronische Klanggeräte und begab sich auf seinen eigenen künstlerischen Weg.
Wir freuen uns sehr auf unseren Gast, seine Musik und unser gemeinsames Gespräch zu Fragen der Kunst, der Freiheit und den alltäglichen Herausforderungen seiner Arbeit.
Sven Helbig: „Die Musik, die mich begeisterte, war für mich bis 1989 ein unerreichbarer Planet, zu dem ich mich dennoch aufmachte.“
In „Tres Momentos“ wird er von Musiker*innen des Philharmonischen Orchesters begleitet und musiziert innerhalb seiner speziellen Welt – der Elektronischen Musik.
Parallel widmet sich eine Ausstellung im Dieselkraftwerk Cottbus den sogenannten „Samisdats“:
Die Tage waren gezählt Künstlerbücher und -zeitschriften mit Originalgrafik und Fotografie aus der späten DDR und Ostdeutschland
In unserer dritten Ausgabe von KUNST hinterm EISERNEN begrüßen wir den Schauspieler, Regisseur, Schriftsteller und Theaterintendanten Steffen Mensching auf der Bühne unseres Theaters.
Im Zentrum dieser Begegnung wird das literarische Schaffen von Steffen Mensching stehen. Aus einem Gespräch mit Hasko Weber heraus werden verschiedene Texte zu erleben sein, die einen Bogen von den Anfängen seiner schriftstellerischen Arbeit bis hinein in die Gegenwart schlagen. Steffen Mensching gehörte in den 1980er-Jahren zusammen mit Hans-Eckhardt Wenzel zu den bekanntesten Lyrikern und Liedermachern der DDR. Seither machte er sich als Schriftsteller einen Namen und richtet seine künstlerischen Perspektiven eindrücklich auf die geschichtlichen Wurzeln unseres Verständnisses von Gesellschaft und Zusammenleben.
Sie dürfen also gespannt sein auf ein literarisches Gespräch, einen unterhaltsamen Austausch und eine lebendige Zeitreise mit Steffen Mensching und Hasko Weber.
Über Steffen Mensching
Steffen Mensching ist 1958 in Ostberlin geboren, studierte Journalistik und Kunstwissenschaft und veröffentlichte in den 1970er und 1980er Jahren mehrere Gedichtbände (»Poesiealbum« 1979, »Erinnerung an eine Milchglasscheibe« 1984, »Tuchfühlung« 1986). Bekannt wurde er vor allem durch die Gründung der Gruppe »Karls Enkel« und die Verbindung mit Hans-Eckardt Wenzel. Das Duo Mensching & Wenzel stach mit seiner skurrilen, clownesken und politisch subversiven Form auffällig aus der Liedermacher-Szene der DDR heraus. Steffen Mensching verfasste die Protestresolution der Unterhaltungskünstler der DDR mit und nahm zusammen mit Hans-Eckardt Wenzel an der Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz teil.
Als Schriftsteller brachte er mehrere Romane heraus (u.a. »Jacobs Leiter« 2003, »Schermanns Augen« 2018, »Hausers Ausflug« 2022), schrieb Theaterstücke sowie Kommentare und Kolumnen für verschiedene Tageszeitungen. Steffen Mensching ist Mitglied des PEN-Zentrums und der Akademie der Künste.
2008/2009 übernahm er die Intendanz am Theater Rudolstadt und arbeitet dort seitdem auch erfolgreich als Regisseur und Schauspieler. Als Schriftsteller und Künstler erhielt Steffen Mensching zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Berliner Literaturpreis (2022).
(Foto: Anke Neugebauer)
REDOX
29. April 2026
19:30 Uhr
Bild ○ Text ○ Klang
Mit REDOX gestalten Sabine Herrmann und Klaus Killisch gemeinsam mit den Musikern Enkidu rankX und Uri Killisch einen interdisziplinären Abend zwischen Screening, Performance, Lesung und Live-Musik. Ausgangspunkt sind Kunstwerke von Sabine Herrmann und Klaus Killisch aus der Sammlung des BLMK: Malerei, Fotografie und Künstlerbuchprojekte, die in der späten DDR und der Zeit danach entstanden sind.
Die Präsentation großformatiger, vom Schnürboden in den Raum gehängten Malereien bilden den Ausgangspunkt für ein sich im Verlauf der Veranstaltung wandelndes Bühnensetting. Projektionen grafischer Werke und Fotografie transformieren den Bild/Raum analog zur musikalischen Intervention, die sich mit Live gelesenen Textfragmenten aus Künstlerbüchern, also künstlerischen Nischenprojekten der 1980er Jahre verknüpft werden.
Der Titel REDOX verweist auf den chemischen Prozess der Oxidation und Reduktion – eine Reaktion von Abgabe und Aufnahme, von Transformation und Energieübertragung. Dieses Prinzip bildet die konzeptuelle Grundlage des Abends: Archivmaterial wird nicht historisch abgeschlossen präsentiert, sondern als aktiver Bestandteil eines gegenwärtigen künstlerischen Prozesses verstanden.
Die präsentierten (historischen) Kunstwerke thematisieren u.a. Öffentlichkeit und Kontrolle, Körper und Handlung, Sprache und Bildproduktion unter politischen und gesellschaftlichen Spannungsbedingungen. In der Live-Zusammenarbeit mit den Musikern und Schauspieler*innen entstehen neue Konstellationen von Bild, Text und Klang, die das Material aktualisieren und in einen offenen Dialog mit der Gegenwart überführen. Die musikalische Ebene agiert dabei nicht illustrativ, sondern als gleichwertiger Partner. Elektronische Strukturen, Improvisation und körperliche Klänge reagieren auf Bildrhythmen, Schnitte und Pausen und erzeugen eine performative Verdichtung des Archivs.
Über Klaus Killisch
Klaus Killisch steht wie kaum ein anderer Maler der in den 1980er Jahren jungen Generation der Maler in der DDR mit seinen hochexpressiv gemalten, zeitgenössisch transdisziplinär motivierten und gleichermassen kunsthistorisch aufgeladenen Bildern für das Aufbegehren und die lustvolle Rebellion der Kunst gegen jegliche Form starrer gesellschaftlicher, ästhetischer und politischer Konventionen. Insbesondere die Serie "Tango bis es weh tut", deren Titel von Tom Waits Song "They tango till they're sore" abgeleitet ist verkörpert das ebenbürtige Pendant zu den im Westen zeitgleich entstandenen Bilder der "Jungen Wilden". Beidseits der Mauer waren hierbei motivisch kennzeichnend Bilder sinnlich goutierter Endzeitstimmungen, deren atmosphärische Verdichtung in urbanen Landschaften und ihrem Kulturraum verortet werden. Auf die Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts verweisend spitzt sich die Bildsprache in einer Mischung aus kulturell und politisch begründeter, melancholischer Gereiztheit und hedonistischem Aufbruch zu.
Wir verwenden Cookies, um Ihnen die Inhalte und Funktionen der Website bestmöglich anzubieten. Darüber hinaus verwenden wir Cookies zu Analyse-Zwecken.